Lesetipp: Showdown auf dem Gasometer

Es sind nicht gerade die sympathischsten Mitbürger, die Kommissar Gereon Rath im Sedanviertel besuchen muss. Aber die Stippvisite auf den Gasometer im Jahr 1931 wird er bestimmt nicht vergessen.

Es ist der dritte Fall, den Autor Volker Kutscher für seinen Kriminalbeamten geschrieben hat und wieder hat er mich einige Tage (und Nächte) gefesselt. In bester hard boiled-Krimi-Tradition streift sein Held durch das Berlin der späten 20er und frühen 30er Jahre, macht Bekanntschaft mit den berüchtigten Ringvereinen, Prostitution, Glücksspiel und – natürlich – Mord. Kutscher gelingt es dabei mit sehr großer Sachkenntnis sowohl die verschiedenen Berliner Milieus als auch zahlreiche Schauplätze der Weimarer Zeit detailliert zu beschreiben. Auch die politischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten, Sozialdemokraten sowie den mehr und mehr in Erscheinung tretenden Nationalsozialisten spielt immer wieder eine Rolle. Geschickt werden historische Ereignisse wie beispielsweise die Weltwirtschaftskrise mit in die Handlung eingeflochten. Bereits in seinem zweiten Fall „Der stumme Tod“ besucht Rath einen Zeugen in der Cherusker Straße, im dritten Fall „Goldstein“ spielt die Gegend sogar eine zentrale Rolle. Kutscher spricht historisch korrekt vom „Sedanviertel“, benannt nach der Sedanstraße, der heutigen Leberstraße. Raths Kollege Tornow wohnt in der Leuthener Straße mit Blick auf den Gasometer, über den er sagt:

„Von da oben hast du die beste Aussicht über Berlin.“

Ob die Ansicht über den Betrieb und die Geräusche des Bauwerks von Tornows damaligen Nachbarn geteilt wurde, ist dann allerdings doch etwas fraglich:

„Der Gasometer ist wie ein Tier“, fuhr Tornow fort. „Er atmet. Jeden Abend senkt sich die Glocke, und jeden Tag steigt sie wieder auf; ich finde das hat etwas sehr Beruhigendes.“

Über den Showdown will ich nicht zu viel verraten, außer dass er in 85 Meter Höhe auf unserem Gasometer statt findet. Von einem literarischen Denkmal zu sprechen, dass Kutscher dem Stahlgerippe hier gesetzt hat, wäre zwar etwas übertrieben, wer aber gerne Krimis liest oder sich für Berliner Geschichte interessiert – dem kann ich diese Reihe nur empfehlen.

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