Wie Berlin Wohnraum gewinnen kann

Reste der Westtangente von der Friedrich-Gerlach-Brücke aus gesehen in Schöneberg.
Sehr viel Platz, mitten in Berlin

Berlin hat zu wenig Platz für Wohnungsbau, heißt es. Dabei ist es gar nicht so schwer, Flächen zu finden. Sie liegen ungenutzt vor unserer Haustür. Man bemerkt sie nur nicht, weil man möglichst schnell wieder von diesen Orten verschwinden will wegen der schwer erträglichen Trostlosigkeit.

Der Sachsendamm mit den Rudimenten der Westtangente ist so ein Ort. Es wäre so leicht, an dieser Stelle Visionen einer lebenswerten Stadt zu entwickeln. Stattdessen führen der Regierende Bürgermeister und Teile der Politik Scheindebatten um das Tempelhofer Feld, das von einer Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner 2014 per Volksabstimmung für unantastbar erklärt wurde. Weil sie sich hier erholen können, weil es eine Oase in der Großstadt ist.

Straße des Grauens

Am Sachsendamm kann sich kein Mensch erholen. Die Straße des Grauens führt kurz hinter dem Bahnhof Schöneberg über die Friedrich-Gerlach-Brücke, die eine ungenutzte Brache überquert. Ein Mahnmal der autogerechten Stadt, das niemand braucht. Hier sollte in den 70er Jahren die Autobahnschneise, genannt Westtangente, weiter nach Norden geschlagen werden, mitten durch Schöneberg. Die Betonpiste sorgt heute noch für feuchte Träume mancher Auto-Fetischisten und führte in der Vergangenheit zu Albträumen der Anwohner, ist aber inzwischen vom Tisch. Und hat diese riesige ungenutzte Fläche hinterlassen, einen stadtplanerischen Unort.

Die Friedrich-Gerlach-Brücke kann weg!
Kann weg: Friedrich-Gerlach-Brücke

Man stelle sich einmal vor, was für Potenzial hier steckt. Die überflüssige Brücke könnte weg, der Graben müsste aufgefüllt werden, die Zufahrt zur Autobahn könnte zusammengelegt werden auf 2, maximal 4 Fahrbahnen. Das Gebiet könnte aufgewertet werden mit einer vernünftigen Stadtplanung; Wohnungsbau, Gewerbe oder auch Grünflächen sind denkbar. Oder sogar eine Straßenbahn, die den Bus M 46 ersetzt.

SPD: Sportplätze unter die Brücke

Die Schöneberger SPD schlägt vor, Sportplätze unter der Brücke zu errichten, da die Fläche „bis auf Weiteres“ nutzlos“ sei. Der Gedanke, Jugendliche in diesem Lärm und in den Abgasen Fußball spielen zu lassen, ist schon einigermaßen grotesk und widerspricht zudem dem eigenen Antrag in der BVV aus dem Jahr 2019.

Damals wollte die Bezirksverordnetenversammlung die gesamte Autobahn bis zum Steglitzer Kreisel zurückbauen auf eine vierspurige Bundesstraße und das gesamte Autobahnkreuz Schöneberg überdeckeln. Es braucht keinen Wahrsager, um zu sagen, dass dies so nicht kommen wird.

Karte mit den Flächen, die gewonnen werden können.
Diese Flächen könnten links und rechts des Sachsendamms gewonnen werden. In der Mitte die Friedrich-Gerlach-Brücke. Quelle: google Maps

Aber der Sachsendamm ist nicht nur an dieser Stelle grauenvoll. Der überdimensionierte Auto-Abstellplatz vor dem Sportforum, die Parklatz-Architektur von Möbel Höffner, alles Relikte der autogerechten Stadt. Die Bahnbrücke zum Südkreuz ist auch kein Schmuckstück. Die Autobahn schmiegt sich an den Sachsendamm, der Lärm wird zunehmend unerträglich. 16 Spuren insgesamt nur für Autos! Vielleicht ist das in Berlin oder sogar in Deutschland Rekord, es ist auf jeden Fall ein Anachronismus. Der Lärm schallt weit nach Schöneberg hinein und mindert die Lebensqualität.

Hochhauspläne an der Geneststraße

Östlich der Bahn-Brücke plant die GSG ein Hochhaus und einen größeren Gebäudekomplex, die nur über die schmale Geneststraße erreicht werden können. Dabei liegt der Bahnhof Südkreuz direkt vis-à-vis, jedoch getrennt durch sechs Spuren Autobahn.

Auf die Stadtautobahn könnte ein Deckel gesetzt werden.
Deckel drauf: wertvoller Platz für Erholung und Wohnungsbau

Die Lösung liegt auf der Hand: Deckel drauf auf die Autobahn! Schöneberg würde wertvollen Platz gewinnen, das Südkreuz endlich eine Umgebung bekommen, das diesen Namen verdient. Ein Mix aus Wohnungen und Gewerbe wäre möglich und der Lärm, der auf die Rote Insel und in das Neubaugebiet der Schöneberger Linse schallt, würde wesentlich vermindert.

Es braucht Mut

Erste Überlegungen für Autobahn-Deckel gibt es seit Jahren in Berlin, vor allem im Bereich Hohenzollerndamm. Andere Städte sind mal wieder wesentlich weiter mit dieser Idee: Hamburg und Madrid haben Fakten geschaffen. Die Ergebnisse sprechen für sich: Ruhe, mehr Lebens- und Wohnqualität, eine lebenswerte Stadt.

Es braucht Mut, es braucht Visionen und es braucht Geld. Leider alles Mangelware in Berlin. Aber es würde sich lohnen.

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