Von der Westtangente zur Grüntangente

Statt Grün und Schienen Beton: Der Traum der autogerechten Stadt ist passé

Ruhig und verschlafen liegt die Cheruskerstraße am Rande der Roten Insel. Dass es hier und heute so idyllisch ist, ist Anwohnern zu verdanken, die an diesem Ort vor bald 40 Jahren eine Bürgerinitiative gegründet haben. Sie haben Erstaunliches erreicht und sind zum Vorbild für zahlreiche Gruppierungen geworden, die sich für eine lebenswerte Stadt einsetzen. Ursprünglich ging es der Handvoll Protestler, bestehend aus Schöneberger Jungsozialisten, um den Spielplatz auf der grünen Fläche, die etwas hochtrabend „Cheruskerpark“ genannt wurde. 
Zum Hintergrund: In den 60er Jahren begannen Planungen für eine beispiellose Stadtzerstörung im Namen des Fortschritts, genannt „autogerechte Stadt“. Die sogenannte Westtangentenautobahn sollte West-Berlin einmal der Länge nach durchschneiden, beginnend in Steglitz, über Schöneberg und Tiergarten führend bis in den Wedding. Ende der 60er Jahre wurde das erste Teilstück der heutigen BAB 103 von der Birkbuschstraße bis zum Sachsendamm gebaut, inklusive des Kreuzes Schöneberg als Verknüpfung mit der Stadtautobahn. 
Mit dem geplanten Weiterbau wäre die Cheruskerstraße nahezu unbewohnbar, der Schöneberger Kiez nachhaltig gefährdet und das Berliner Stadtbild insgesamt in eine wüstenähnliche Los Angeles-Lookalike-Betonlandschaft verwandelt worden.


Flächennutzungsplan 1965. Quelle: Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung

Einen Eindruck, wie gigantisch die Zerstörung der Stadt hätte ausfallen können, gewinnt man bei einem Blick auf die damaligen Flächennutzungspläne. Die Betonpiste hätte sich quer durch Schöneberg durch den Wannseebahngraben gewälzt (die S-Bahn hätte in einem Tunnel in nordöstlicher Richtung zur Anhalter Bahn Platz machen müssen!), ein weiteres Autobahnkreuz wäre auf dem Gelände des Gleisdreiecks entstanden zur Verknüpfung mit der Südtangente, die wiederum Kreuzberg auf der Höhe der Oranienstraße durchschnitten hätte. Man stelle sich ein weiteres riesiges Autobahnkreuz am Oranienplatz anstelle des lebendigen Platzes und des wunderschönen Engelbeckens vor – so sahen die Wunschträume der Stadtplaner der 60er bis 80er Jahre aus.
Doch zurück zur Roten Insel: Ein Teilstück der Autobahn wäre auf dem Gelände der ehemaligen Cheruskerkurve gebaut worden, der ehemaligen Bahnverbindung zwischen Ring- und Wannseebahn. Besagter Spielplatz und Park wären futsch gewesen, ebenso die Ruhe des Kiezes, die Wohnqualität der Roten Insel erheblich gemindert. Aus dem Trüppchen, das sich gegen die Planungen wehrte, entstand 1974 die Bürgerinitiative Westtangente. Das Gegenkonzept zum Autobahnwahn wurde bald entwickelt unter dem griffigen Motto: Grüntangente statt Westtangente. Anstelle eines grauen Betonbandes sollte ein grünes Band aus überwiegend naturbelassenen Grünflächen die Stadt entlang der brachliegenden, zum DDR-Vermögen zählenden Bahnflächen von der südlichen Stadtgrenze bis zum Tiergarten durchziehen.
Im Laufe von fast 40 Jahren hat die BI sehr viel erreicht: Die Stadtplanung hat sich vom Alp-Wunschtraum „autogerechte Stadt“ größtenteils verabschiedet, der Plan der „Grüntangente“ ist in die Planungen der Stadt eingeflossen und wird nun schrittweise umgesetzt.
Am ehesten entspricht wohl der Naturpark Südgelände dem ursprünglichen Gedanken der Aktivisten. Die Natur bleibt weitgehend ungestört sich selbst überlassen und bildet zwischen den Bahnhöfen Südkreuz und Priesterweg eine für Berlin einzigartige wildnisartige Landschaft zwischen den ungenutzten Bahngleisen. 
Der östliche Teil des Gleisdreieckparks, der letztes Jahr eröffnet wurde, wird hingegen von geraden Wegen und großen Rasenflächen dominiert – nach dem Geschmack vieler Naturschützer kommt hier die ursprüngliche Natur zu kurz. Angenommen wird der Park von der Bevölkerung dennoch.

Grüntangente

So nimmt die Grüntangente Schritt für Schritt Gestalt an: Nächstes Jahr soll der Westpark am Gleisdreieck folgen, der südlich der Yorckstraße gelegene Flaschenhalspark steht ganz oben auf der Projektliste (verbunden mit dem Ostpark über alte Eisenbahnbrücken über die Yorckstraße), erste kleine Teile der „Schöneberger Schleife“ sind ebenfalls bereits zu betrachten und zu begehen. Dieser überwiegend schmale Grünzug soll eine durchgehende Wegeverbindung vom Gleisdreieck über den Flaschenhalspark entlang der Anhalter Bahn bis zum Naturpark Südgelände bzw. dem parallel verlaufenden schon bestehenden Hans-Baluschek-Park schaffen. Vom westlichen Gleisdreieck-Park aus soll schließlich später eine weitere Verbindung entlang der Wannseebahn bis zum Cheruskerpark führen, der in den nächsten Jahren erweitert wird und wiederum eine grüne Anbindung entlang der Torgauer Straße Richtung Südkreuz erhält.
Große Pläne nach großem Widerstand. Aber wie man sieht (oder bald sehen wird) hat sich der lange Atem der Anwohner und der BI gelohnt. Der Cheruskerpark ist mitsamt Spielplatz gerettet und wird sogar erheblich vergrößert. 
Dennoch hat sich der Autobahnwahn nicht völlig überlebt. Der neueste Kampf um die A100 zeigt erhebliche Parallelen zu dem Kampf gegen die Westtangente in den 70er Jaheren. Wieder steht ein SPD-geführter Senat mit seiner Argumentation von angeblichen wirtschaftlichen Notwendigkeiten gegen ein breites Bündnis von Anwohnern und Autobahngegnern. Zu wünschen ist den Friedrichshainern, Treptowern und Lichtenbergern ein ähnlicher Erfolg wie einst den Schönebergern aus der Cheruskerstraße.

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1 Antwort

  1. Anonym sagt:

    Interessant! Als Zugezogener wußte ich bis dato nichts von den damaligen Plänen für einen megalomanen Autobahn-Bau und verstehe nun, wie das Konzept der Grüntangente entstanden ist. Schade finde ich nur, daß die kleinen Werkstätten in der Torgauer Straße abgerissen werden mußten, sie gehörten für mich einfach zur Roten Insel und haben so manchem sein Auskommen gesichert. Ähnlich bedauerlich fand ich die teilweise Räumung des Gewerbegebiets an der Naumannstraße.

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