Integration, die schmeckt

Mohamed stürzt das fertige Maklubeh aus dem Topf

Konzentriert schneide ich die Aubergine in kleine Würfel, während meine Mit-Koch-Schüler duftende Minz-Blätter zupfen und saftige Tomaten kleinhacken. Um den aufkommenden Hunger zu stillen, kann man schon einmal vom Arabischen Brot naschen. Bier, Wein und Säfte löschen den Durst – schließlich haben wir auch ein bisschen gearbeitet. Unsere Lehrer heißen Mohamed, Durra und Abo Hiba und kommen alle aus Syrien. 

Kleine Idee, große Wirkung

Wer wissen will, wie gelungene Integration aussieht, der sollte einen Blick in unsere Nachbarschaft werfen, genauer gesagt in das Ladenlokal an der Gotenstraße/Ecke Roßbachstraße. Hier sitzt seit Oktober 2015 der gemeinnützige Verein „Über den Tellerrand“, der mit all dem Engagement seiner Mitarbeiter schon sehr viel mehr bewirkt hat, als sich seine Gründer vermutlich je haben vorstellen können.

Ursprünglich war „Über den Tellerrand“ eine kleine Idee von vier Studenten, die mit einem Bunsenbrenner 2013 die Flüchtlinge auf dem Oranienplatz besuchten. Um mit ihnen zu kochen und sie kennenzulernen – denn Kochen verbindet! Eine kleine Idee, aus der etwas ganz Großes wurde. Zunächst veröffentlichten die Initiatoren ein kleines Kochbuch mit den Rezepten und den Geschichten der Flüchtlinge. Entstehen konnte dieses im Rahmen des Funpreneur-Wettbewerbes der FU Berlin.

Granatapfelkerne gehören in einen ordentlichenFattoush-Salat!

Kochen, um ins Gespräch zu kommen

Auf der Menü-Karte des syrischen Koch-Abends stehen heute Fattoush-Salat, Makali-Salat, Maklubeh und Awame. Sieben Koch-Schüler nehmen teil, die meisten haben das Erlebnis geschenkt bekommen, einigen, wie mir, ist der „Kitchen-Hub“ in der Nachbarschaft aufgefallen. Und heute will ich mal schauen, was da eigentlich passiert. Dass die beiden Köche und die Köchin (für Durra ist es das erste Mal) keine Profis sind, merkt man, aber das machte es gerade authentisch und sympathisch. Und am Ende bekommen wir etwas wirklich Leckeres auf den Tisch. Man merkt: Gemeinsam Kochen ist die beste Methode, um ins Gespräch zu kommen.

Im Schiffscontainer durch Europa

Aus der kleinen Studenten-Idee ist innerhalb kurzer Zeit eine große Community geworden. Im Vordergrund steht die Integration, die durch verschiedene Programme gefördert wird. So gibt es zum Beispiel ein „Job Buddy Programm“, um Geflüchtete im Arbeitsmarkt zu integrieren. In ganz Deutschland, aber auch in den Niederlanden, Österreich und der Schweiz existieren inzwischen 35 Ableger, die vom Verein „Satelliten“ genannt werden. Mit „Kitchen on the run“ geht der Verein sogar auf Tour: Ein zu einer Küche umgebauter Schiffscontainer steht auf öffentlichen Plätzen in ganz Europa, um zusammen zu kochen und sich auszutauschen.

Kochen im Kitchen-Hub

Abo Hiba zeigt mir, wie ich die Granatapfelkerne aus dem Granatapfel heraus bekomme. Nach ein paar Minuten habe ich den Bogen raus und klopfe die Kerne in ein Schüsselchen. Knoblauch sollte man mögen, wenn man syrisch essen will. Und frittiertes Essen. Auberginen, Brot und Kartoffeln kommen alle in heißes Sonnenblumenöl, bis sie schön goldbraun sind. Durra knetet den Teig für die Awame und muss sich ordentlich anstrengen. Für den Hauptgang, Maklubeh, werden Reis, Auberginen, Fleisch und Nüsse in einem großen Topf übereinander geschichtet. Für die Vegetarier gibt es einen Extra-Topf.

Im Kiez verwurzelt

Der „Kitchen-Hub“ von „Über den Tellerrand“ gehört mittlerweile zum Kiez. Es gibt Kooperationen mit Özgida und der Bio-Insel, die auch mal ihr Auto zum Einkaufen zur Verfügung stellt. Der Rads-Keller schraubt an den Rädern der Tellerrand-Leute gegen eine warme Mahlzeit und nicht zuletzt gibt es den „Inselgarten“ an der Cherusker-Straße. Hier wird regionales Gemüse angebaut und fachkundige Gärtner bieten Workshops an. Und auch echter Schöneberger Honig wird geimkert, der im Laden erworben werden kann.

Es lohnt sich, einfach mal vorbeizuschauen in der Roßbachstraße. Sei es, um an einem Kochkurs oder an einer der anderen zahlreichen Veranstaltungen teilzunehmen, oder sei es, um ein Kochbuch zu erwerben und so das Projekt zu unterstützen.

Salate und Hauptgang

Es schmeckt!

Schließlich ist es soweit: Es kann gegessen werden. Alles schmeckt köstlich, die Salate, der Maklubeh-Eintopf und die sehr süßen Awame-Kugeln. Am Ende des Abends bin ich pappsatt. Ich habe eine Menge von Durra, Abo Hiba und Mohammed über ihr Leben in Deutschland erfahren, über ihre Geschichten und ihre Pläne. Es sollte noch sehr viel mehr Initiativen wie diese geben – unsere Probleme wären sehr viel kleiner!

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