Friedrich Naumann

Die Naumannstraße heißt erst seit 1929 Naumannstraße. Benannt ist sie nach einem prominenten Bewohner, der hier von 1906 bis 1918 in der Nummer 24 (früher Königsweg 4, von 1901 bis 1906 wohnte er in der Hohenfriedbergstraße 11) lebte: Friedrich Naumann (1860-1919). Der Pfarrerssohn aus Großpösna bei Leipzig war evangelische Theologe und liberaler Politiker im Kaiserreich. Nach Abschluss seines Studiums 1883 arbeitete Naumann zunächst für zwei Jahre im „Rauhen Haus“ in Hamburg, einem Wohnheim für gefährdete Jugendliche. Als Pfarrer in Langenberg in der Nähe von Chemnitz (1886) wurde seine politische und soziale Einstellung aufgrund der Konfrontation mit den Problemen der Arbeiterschaft in Zeiten der industriellen Revolution wesentlich geprägt.Die christlich-soziale Bewegung, die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ihren Ursprung hatte, war nicht zuletzt eine Reaktion auf die „umstürzlerischen“ Sozialdemokraten, denen sich das Proletariat zuwendete. Das Ziel war, durch soziale Reformen die unteren Schichten mit Staat und Kirche wieder zu versöhnen. Friedrich Naumanns Engagement in diesen Kreisen begann Anfang der Neunziger Jahre; 1894 gründete er zusammen mit seinen Mitstreitern die Zeitschrift „Die Hilfe“, die zu einem wichtigen Organ für die Anhänger der von Naumann propagierten Idee vom „nationalen und sozialen Christentum“ wurde. Viele Freunde machten sie sich damit allerdings nicht: Auf der einen Seite stand die Sozialdemokratie, deren Klassenkampf Naumann ablehnte, auf der anderen Seite die konservativen Kräfte, die sich gegen soziale Reformen wendete. So war auch den „National-Sozialen“ kein politischer Erfolg beschieden. Bei den Reichstagswahlen 1898 und 1903 erhielten sie nur einen marginalen Stimmenanteil und lösten sich daraufhin auf. Naumann wechselte zur sozial-liberalen „Freisinnigen Vereinigung“, der späteren „Fortschrittlichen Volkspartei“ (FVP). Von 1907 bis 1918 saß er im Reichstag und vertrat hier den Wahlkreis Heilbronn. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs und des Kaiserreichs wurde er am 22. Juli 1919 zum Vorsitzenden seiner Partei gewählt, die sich nun  „Deutsche Demokratische Partei“ (DDP) nannte. Tragischerweise starb er wenige Wochen später an den Folgen eines Schlaganfalls in Travemünde. Naumanns Grab liegt auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof an der Kolonnenstraße. Den Verfall seiner DDP in den nächsten Jahren musste Naumann nicht mehr erleben.
Sein Wohnhaus auf der Insel war jahrelang Zentrum seiner national-sozialen Bewegung. Unter seiner Wohnung war der Buchverlag „Fortschritt“ und die Redaktion der „Hilfe“ untergebracht, in der unter anderem Theodor Heuss Mitglied war. Heuss gilt als Schüler Naumanns, war zeitweise Schöneberger Stadtverordneter und wurde 1945 erster Bundespräsident. Naumanns Name lebt in der FDP-nahen „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“ fort.

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