Fahrradschnellweg nach Zehlendorf? Ja, aber nicht so. Ein Gegenvorschlag

Gelungener Schnellweg: umgebaute Torgauer Straße

Seit einigen Wochen geistert eine Idee durch die Medien und
die BVV, die für einigen Wirbel gesorgt und sogar die Bahn aufgeweckt hat – und
das will etwas heißen. 



Um was geht es? Auf dem Euref-Gelände sitzt eine
Institution namens „Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel, kurz InnoZ, die laut Selbstauskunft den Verkehr der Zukunft erforscht. 
Dieses InnoZ schlägt nun vor, einen Fahrradschnellweg,
Pardon: Fahrradhighway (überwiegend im Graben!), zwischen Potsdamer Platz und Zehlendorf oder sogar
Potsdam auf der teilweise stillgelegten Stammbahn zu bauen. Aber nur, bis eines
Tages wieder Züge rollen, denn wenn die Bahn es will, dann müsste wieder alles
zurückgebaut werden.



Immerhin scheint es die InnoZ zu verstehen, Aufmerksamkeit
zu wecken. Erst etwas versteckt in der Tempelhof-Schöneberger BVV nahm sich die
SPD der Idee an, kurz darauf die Zehlendorfer CDU, die gleich einen großen
Pressetermin mit ihrem Vorsitzenden und Justizsenator Heilmann veranstaltete.
Seitdem ist das Thema auf dem Tisch und auch in den Medien präsent und wird heiß diskutiert. Sogar die Bahn tritt auf den unausgereiften Plan, um diesen zu
verhindern, und zeigt plötzliches Interesse an einer Reaktivierung der
Stammbahn. Muss sie auch, sonst drohen Rückzahlungen in Millionenhöhe für die
Bauvorleistungen am Nord-Süd-Tunnel für die geplante Einfädelung.


Doch was ist dran an dem Plan? Zunächst einmal kann man das
Engagement der Bezirksparteien getrost als Vor-Wahlkampfgerede abtun. Vor jeder
Wahl werden Verbesserungen für den Fahrradverkehr in Schöneberg versprochen,
und selbst eine rot-grüne Mehrheit bekommt in den folgenden fünf Jahren so gut
wie nichts gebacken. Weder wird ein einfaches Gitter versetzt, 200 Meterfehlender Asphalt am Ausgang des Baluschek-Parks gegossen oder eine vernünftige Wegeführung zwischen Cheruskerstraße und Kolonnenstraße umgesetzt. Und man kann
darauf wetten, dass auch die Verbindung über die Monumentenbrücke in den Flaschenhalspark bei Eröffnung des fehlenden Stücks Nord-Süd-Weges nicht
umgesetzt sein wird. Dabei sein mit seiner Schere zum Bänderdurchschneiden wird
aber wieder Stadtrat Krüger, der jüngst sein herzlichstes Desinteresse am Radverkehr bekundet hat. Der Fahr-Rat fungiert seit Jahren lediglich als
Feigenblatt, es ist ziemlich undurchsichtig, wer dort eigentlich wirkt, und seine
rührigen Pläne versacken in den Untiefen der Tempelhof-Schöneberger Politik ohne eine
wirklich realistische Chance auf Realisierung. Warum sich die Mitglieder des
Fahr-Rats diese Vorführung seit Jahren gefallen lassen, ist ein Rätsel. Und
die Fahrradpolitik des Senats – darüber breitet man auch lieber den Mantel des
Schweigens.
Fehlende Brücke über Rubensstraße, rechts Rampe denkbar



Der InnoZ-Plan selber wirkt absolut unausgereift. Nicht einmal fünf Millionen Euro Kosten, die genannt werden, dürften selbst ansatzweise nicht realistisch
sein, es gibt keine Fahrradwege, wie suggeriert wird, zwischen Potsdamer Platz
und Gleisdreieckpark, es gibt keine direkte Verbindung über den Landwehrkanal, die
angeblich fertiggestellten Wege im Gleisdreieckpark existieren teilweise
nicht, die angeblich im Bau befindlichen Wege im Wannseebahngraben sind mehr
denn je in Frage gestellt, hier wurde erst gerade ein Baustopp verhängt. Zudem werden die tatsächlich existierenden Wege auch von Fußgängern, Skatern
etc. genutzt, von einem „Fahrradschnellweg“ kann hier sowieso keine Rede sein. Die
Bahnbrücken über die Rubensstraße wurden erst jüngst samt Widerlagern
abgerissen und Auf- bzw. Abfahrten entlang der Strecke wären nur äußerst
umständlich 
(und kostenintensiv) herzustellen. Nur in einem Nebensatz wird
erwähnt, dass ab Lichterfelde die Bahnstrecke noch in Betrieb für Güterverkehr ist
und schon daher kaum nutzbar sein dürfte.



Und: Berlin wächst und der öffentliche Nahverkehr muss
mitwachsen. Vielleicht erkennen dies allmählich auch der Senat und die Bahn,
einzelne Signale kann man so ganz vorsichtig deuten. Jedenfalls wäre der
Fahrradschnellweg nicht von Dauer – oder die Bahn müsste auf eine wichtige und
traditionsreiche Strecke in der Zukunft verzichten.


Was wären die Alternativen? Der Radverkehr darf nicht gegen
den ÖPNV und auch nicht gegen die 
Fußgänger ausgespielt werden, wie dies zurzeit
geschieht, indem beide letztgenannte Gruppen auf schmale Wege geschickt werden und die
Straßen so von Zweirädern zugunsten des Autoverkehrs entlastet werden. So
wünschenswert „Fahrradschnellwege“ nur für diese Gruppe wären – auf diesem
Abschnitt ist ein solcher einfach Unsinn. Vergleiche mit anderen Städten
hinken: Die Schnellwege, beispielsweise in Kopenhagen, verlaufen teilweise über
unbebautes Land und Felder oder auf tatsächlich aufgegebenen Bahnstrecken.

Torgauer ohne Fahrradstraße

Dabei gibt es andere Möglichkeiten für eine schnelle
Verbindung nach Steglitz und nach Zehlendorf.



Der Nord-Süd-Grünzug wird bald vollendet sein bis zum
Südkreuz und läuft auch unter dem Namen „Fahrradweg Berlin-Leipzig“. Ein Teil
der Torgauer Straße wurde umgebaut und mustergültig aufgeteilt, hier
funktioniert das Nebeneinander von Fahrrad und anderen Gruppen hervorragend – endet aber leider auf einer Kopfsteinpiste.
Eine Verbindung der beiden Abschnitte könnte durch einen Umbau der verbliebenen
Torgauer Straße als Fahrradstraße einfach hergestellt werden. Diese Idee gab es
bereits in den ursprünglichen Plänen für die „Schöneberger Schleife“, wurde
später jedoch still und heimlich unter den Teppich gekehrt. Ohne diese Maßnahme
wäre die „Schleife“ sowieso keine, ist also unabdingbar. Wobei eine
Fahrradstraße gemeint ist, die diesen Namen auch verdient, und nicht einfach durch
Schilder ausgewiesen wird, über die Autofahrer herzlich lachen. Der Weg muss bis
zur Dominicusstraße vollendet werden, hier hakt es mal wieder an Euref-Müller
und seinen Interpretationen gültiger Verträge sowie dem Berliner Politikfilz.
Kurz zusammengefasst: Müller weigert sich, seinen Beitrag zur neuen
Erschließungsstraße auf sein Gelände zu leisten und spannt seine Amigos des
Berliner Politikbetriebs ein, um seinen Willen gegen Stadträtin Klotz
durchzusetzen – dadurch wird auch der restliche Umbau der Torgauer Straße
verhindert.
Torgauer zum Sachsendamm: Umbau durch Euref verhindert
Stillgelegtes Gleis über Stadtautobahn

Zurück zum Thema: Weiter ginge es mit einem neuen und
sicheren Übergang über die Dominicusstraße bzw. den Sachsendamm. Eine neue
Überlegung, die ich hier in den Ring werfe, ist ein Radweg durch den Werdauer
Weg.
Hier liegen tatsächlich Bahngleise, die nie wieder gebraucht werden und
Platz böten für eine Streckenführung über die Autobahn bis zur Rubensstraße, zu
der eine Rampe gebaut werden müsste, für die der Platz aber vorhanden ist. Ganz nebenbei
könnte das Industriegelände am Werdauer Weg hierdurch aufgewertet werden, worüber es schon seit Jahren Überlegungen gibt.
Weiter könnte es parallel und östlich zur Autobahn über die Rembrandtstraße und Körnerstraße bis zur Feuerbachbrücke gehen, die ebenfalls zu Fahrradstraßen umgebaut
werden müssten, teilweise schon Sackgassen für Autos sind und nur durch
Kopfsteinpflaster teilweise etwas unangenehm zu befahren sind. Weiter ginge es
auf der westlichen Seite von Autobahn und Gleisen über  Alsen- und Düppelstraße bis zum Rathaus Steglitz – ebenfalls als
Fahrradstraßen! Eine Sperrung für Autos auf Strecken parallel zur Autobahn
dürften wohl vermittel- und durchsetzbar sein. Auch durch Lichterfelde ließen
sich Wege finden und zwischen Dahlemer Weg und dem Bahnhof Zehlendorf
existieren bereits öffentliche Grünwege und Rampenbauwerke entlang der S-Bahn,
die ziemlich einfach zu bequemen Radwegen ausgebaut werden könnten. Diese
werden in den bislang vorgestellten Konzepten übrigens vollständig
verschwiegen. Eine weitere Maßnahme wären bessere Ampelphasen für die Radler
und Schaffung von „Grünen Wellen“ entlang der Strecke. Statt 18 Rampen wie im InnoZ-Papier wäre nur eine Rampe notwendig, statt fünf Brückensanierungen und eines
eventuellen Neubaus über die Rubensstraße wäre hier vermutlich eine Sanierung
für die Querung über die Autobahn notwendig.
Welche Alternative kostengünstiger
ist, ist nicht schwer zu erraten. Welche Alternative nachhaltiger ist, auch
nicht.



Man sieht: Mit etwas Phantasie lässt sich etwas tun, ohne viel Geld, sowohl für den Bahnverkehr als auch für die Radfahrer. Beide Verkehrsträger müssen gestärkt werden für eine lebenswerte Stadt und dürfen nicht in künstlicher Konkurrenz gegeneinander ausgespielt werden von Parteien, die immer noch in den Konzepten der 60er-Jahre feststecken und unsere Stadt mit Autobahnen weiterhin zubetonieren.

Quelle: Google Earth
Quelle: Google Eartth
Quelle: Google Earth
Quelle: Google Earth

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4 Antworten

  1. Anonym sagt:

    Da hat sich aber jemand sehr viel Gedanken und Mühe gemacht. Respekt. Da können wir Allwetterradler nur hoffen, dass der Senat aus dem ewigen Stückwerk auch mal ein Gesamtkonzept macht.

  2. Ja, da hat sich jemand wirklich Gedanken gemacht, dabei aber übersehen, das zumindest der Radweg durch den Wannseegraben zwischen Yorckstraße und Torgauer Straße so nicht erstellt werden kann. Das Projekt Schöneberger Schleife ist auf Grund der geplanten Wiederinbetriebnahme der Stammbahn mittlerweile gestorben, nach alternativen Radwegführungen wird noch gesucht. Lesen Sie dazu zum Beispiel hier: https://stopptdenkiezverkauf.wordpress.com/2015/11/25/bebauungsplan-7-69-in-der-beteiligung-der-traeger-oeffenlicher-belange/
    Liebe Grüße, Hans-Georg

  3. Hallo Anonym.
    Im zweiten Bild von oben sieht man noch (rot, nicht im Bau) die ursprüngliche Planung der Schöneberger Schleife durch den Wnnseegraben zwischen Yorckbrücken und Torgauer Straße. Diese Planung ist hinfällig. Hier sind Alternativen zu finden ähnlich denen, die Textbauer für den weiteren Verlauf beschreibt.
    Das wird kompliziert, müsste doch der Weg über bestehendes Straßenland gebaut werden, etwa durch teilweisen Umbau/ Umwidmung von Crelle-, Czeminski- und Cheruskerstraße zur Fahrradstraße. Bei einer solchen Wegführung fielen viele Parkplätze weg, ich höre schon den Aufschrei der Automobilisten, außerde müsste die Langenscheidtbrücke fahradgerecht verändert und die Kreuzung Czeminski-, Leber- und Kolonnenstraße gequert werden. Eine Wegführung durch den Cheruskerpark sehe ich nicht, hier käme es unweigerlich zu Konflikten mit den vielen Parkbesuchern.
    Alles in allem ein komplexes Problem.
    LG, Hans-Georg

    P.S. Warum anonym?

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